Familie Dennhardt

Endlich in Lambersart – zu Besuch am Grab meines Ururgroßvaters Emil Arno Dennhardt

Grabkreuz von Emil Arno Dennhardt auf dem Deutschen Soldatenfriedhof in Lambersart bei Lille

Vor einigen Monaten habe ich hier im Blog bereits die Lebensgeschichte meines Ururgroßvaters  Emil Arno Dennhardt erzählt. Schon vor Jahrzehnten habe ich seinen Weg anhand von Kirchenbüchern, Personenstandsregistern und militärischen Unterlagen rekonstruiert. Dabei stellte sich irgendwann heraus, dass er seine letzte Ruhestätte auf dem Deutschen Soldatenfriedhof Lambersart bei Lille in Nordfrankreich gefunden hat. Und schon damals stand für mich fest: Irgendwann möchte ich diesen Ort einmal selbst besuchen. In dieser Woche hat sich dieser Wunsch nun – nach über 25 Jahren Ahnenforschung – endlich erfüllt.

Ein Leben, das viel zu früh endet

Emil Arno Dennhardt wird am 8. Mai 1885 in Waldheim in Sachsen geboren. Er arbeitet als Zigarrensortierer, heiratet 1907 Alma Lina Otto und gründet mit ihr eine Familie. Zwischen 1908 und 1913 werden fünf Kinder geboren.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs nimmt das Familienglück jedoch ein jähes Ende: Im Dezember 1914 wird Emil Arno als Ersatz-Reservist an die Westfront eingezogen. Am 12. Mai 1915 trifft ihn bei l’Épinette zwischen Lille und Armentières eine Gewehrkugel in den Kopf. Er stirbt auf dem Transport zum Truppenverbandplatz – vier Tage nach seinem 30. Geburtstag.

Das wohl Tragischste an seiner Geschichte: Zwei Wochen später bringt seine Frau zuhause den gemeinsamen Sohn  Arno Rudolf Dennhardt zur Welt. Emil Arno erlebt seine Geburt nicht mehr.

Wer die vollständige Lebensgeschichte lesen möchte, findet sie hier im Blog im Beitrag Nachts weinen die Soldaten – das viel zu kurze Leben des Emil Arno Dennhardt.

Der Weg nach Lambersart

Der Soldatenfriedhof ist erstaunlich einfach zu erreichen: Wir fahren mit einem Linienbus bis zur Haltestelle Cimetière Nord, die sich direkt vor dem Eingang des städtischen Friedhofs von Lambersart befindet. Unmittelbar daneben liegt der Deutsche Soldatenfriedhof.

Schon beim Betreten der Anlage fällt die außergewöhnliche Ruhe auf. Während auf dem benachbarten Friedhof vereinzelt Menschen unterwegs sind, ist hier überhaupt niemand. Nur die sorgfältig gepflegten Rasenflächen, die endlosen Reihen dunkler Metallkreuze und das leise Rascheln der Bäume begleiten unseren Besuch.

Die Anlage wirkt – trotz oder gerade wegen ihrer schlichten Gestaltung – überwältigend. Auf jedem der zahllosen Kreuze stehen die Namen von bis zu vier Soldaten. Dazwischen finden sich immer mal wieder die schlichten Worte „Unbekannter deutscher Soldat“. Zwei Massengräber am Rand der Anlage erinnern zusätzlich daran, wie groß das sinnlose Sterben an der Front war. Im Zentrum des Friedhofs erhebt sich ein großes Hochkreuz. Eine Steinplatte darunter erinnert daran, dass hier 5.094 deutsche Soldaten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Massengrab und Gräber unbekannter Soldaten auf dem Deutschen Soldatenfriedhof Lambersart
Eins der Gräber unidentifizierter deutscher Soldaten (l.) und eins der beiden Gemeinschaftsgräber (r.)

Block 1, Grab 773

Dank der Datenbank des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. wusste ich bereits vor der Reise genau, wo Emil Arno begraben liegt. Sein Grabkreuz ist schnell gefunden – es liegt nur wenige Meter vom Eingang entfernt.

Und dann steht man plötzlich davor.

Über Jahrzehnte ist mein Ururgroßvater für mich vor allem ein Name in Kirchenbüchern und Standesamtsregistern, ein Eintrag in Militärunterlagen und eine fremd wirkende Geschichte im Waldheimer Heldenbuch. All das wirkt abstrakt. Doch in dem Moment, in dem ich in Frankreich direkt vor dem Kreuz mit seinem Namen stehe, verändert sich etwas.

Plötzlich wird aus dem Namen ein Mensch.

Ein Mann, der gerade einmal 30 Jahre alt wird. Ein Ehemann, der seine Frau zurücklassen muss. Ein Vater, der fünf Kinder zurücklässt und dessen jüngstes Kind erst wenige Tage nach seinem Tod geboren wird. Mein Ururgroßvater, dessen Grab ich über hundert Jahre später besuchen darf.

Mir geht dieser Moment sehr nahe. Vielleicht gerade deshalb, weil dieser Krieg so unendlich sinnlos war. Emil Arno stirbt nicht für seine Familie. Er stirbt nicht für Menschen, die ihn kennen. Er stirbt in einem Krieg, dessen Folgen Generationen prägen – auch meine eigene Familie.

Der Soldatenfriedhof Lambersart

Der Deutsche Soldatenfriedhof Lambersart wurde nach dem Ersten Weltkrieg durch die französischen Behörden angelegt und später erweitert. Heute ruhen dort 5.094 deutsche Soldaten sowie ein russischer Kriegstoter. Viele von ihnen starben in den Kämpfen rund um Lille, Armentières und Ypern. Seit dem deutsch-französischen Kriegsgräberabkommen von 1966 wird die Anlage vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gepflegt.

Solche Orte sind weit mehr als historische Sehenswürdigkeiten. Sie sind Mahnmale gegen Krieg und Gewalt. Hinter jedem Namen verbirgt sich ein Mensch mit Hoffnungen, Träumen, einer Familie und einem Leben, das oft viel zu früh endet.

Ein lange gehegter Wunsch

Als wir den Friedhof wieder verlassen, bin ich vor allem dankbar. Dankbar, dass ich diesen Ort endlich besuchen konnte. Dankbar, dass Emil Arnos Geschichte nicht in Vergessenheit geraten ist. Und dankbar dafür, dass Familienforschung manchmal weit mehr ist als das Sammeln von Daten und Dokumenten. Sie schafft Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Warst du selbst schon einmal an einem Grab eines Vorfahren, den du nie kennenlernen konntest? Oder hast du durch die Ahnenforschung einen Ort besucht, der dich besonders bewegt hat? Ich freue mich auf deine Erfahrungen in den Kommentaren.

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