Manche Geschichten in der Familienforschung überraschen mit unerwarteten Wendungen. Eine solche ist die Geschichte von Selma Martha Dennhardt (1878–1960), der unehelich geborenen Tochter meines 3×Ur‑Großvaters Carl Emil Dennhardt (1854–1898) und dessen späteren ersten Ehefrau Marie Selma Rougk (1858–1879). Ein Fund im General-Anzeiger für Chemnitz und Umgegend vom 26. März 1896 bringt ein dunkles Kapitel ihrer Jugend ans Licht.
Der Diebstahl von Steina
Im Jahr 1895 ist die damals 18‑jährige Martha Dennhardt als Dienstmagd bei einem Gutsbesitzer im sächsischen Steina (heute einem Ortsteil von Hartha) tätig. Gemeinsam mit der 15‑jährigen Marie Bertha Lehmann, einer weiteren Dienstmagd, begeht sie eine Reihe von Diebstählen. Während Martha von ihrem Dienstherrn und einem Knecht über 100 Mark erbeutet – eine Summe, die heute mehreren tausend Euro entsprechen würde! –, stiehlt ihre jüngere Komplizin 24 Mark, von denen sie Martha die Hälfte abgibt.
Das Urteil: 10 Monate Gefängnis
Doch das Schicksal lässt die beiden nicht ungeschoren davonkommen. Während die jüngere Mitstreiterin mit nur drei Wochen und fünf Tagen Gefängnis vergleichsweise glimpflich davonkommt, wird Selma Martha Dennhardt zu zehn Monaten Haft verurteilt. In einer Gesellschaft, in der Bedienstete unter strenger Kontrolle stehen, ist eine solch harte Strafe kein Einzelfall. Besonders Frauen aus ärmeren Verhältnissen haben mit wenig Nachsicht zu rechnen.
Eine Reihe von Diebstählen haben die 18jährige Dienstmagd Selma Martha Rougk, genannt Dennhardt in Gilsberg, geboren in Rößchen bei Mittweida und die 15jährige in Hartha geborene Dienstmagd Marie Bertha Lehmann in Steina, die Beide im Jahr 1895 bei dem Gutsbesitzer B. in Steina bedienstet waren, sich zu Schulden kommen lassen. Die Dennhardt hat ihrem Dienstherrn, sowie einem Knechte, theils unter erschwerenden Umständen nach und nach über 100 Mark, die Lehmann ihrem Dienstherrn 24 Mark gestohlen. Letztere hat der Dennhardt von dem von ihr gestohlenen Betrag etwa die Hälfte ausgehändigt. Die Dennhardt erhielt 10 Monate, die Lehmann 3 Wochen 5 Tage Gefängniß zudiktirt.
General-Anzeiger für Chemnitz und Umgegend, Sächsischer Landes-Anzeiger, Nr. 71 v. 26.03.1896
Ein Leben mit weiteren Rückschlägen
Nach ihrer Haftstrafe sucht Martha nach einem Neuanfang. 1898 heiratet sie in Waldheim den Bauarbeiter Ernst Arthur Kretzschmar aus Flemmingen. Doch auch ihr Ehemann ist kein unbeschriebenes Blatt: Er wird aus dem Militär ausgeschlossen, muss aus bisher unbekannten Gründen für eine gewisse Zeit ins Zuchthaus Waldheim und steht bis 1906 unter Polizeiaufsicht.
Im Jahr 1904 zieht das Ehepaar nach Mittweida, vermutlich in der Hoffnung auf einen besseren Lebensweg. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihnen: Sie bekommen fünf Kinder, von denen jedoch keines das zweite Lebensjahr erreicht – weitere Schicksalsschläge für die Familie.
Arthur Kretzschmar stirbt 1948 in Mittweida; seine Frau Martha lebt noch weitere zwölf Jahre und verstirbt 1960 im Alter von 82 Jahren ebenfalls in Mittweida.
Familienforschung: Mehr als nur Daten
Dieser Fall zeigt, dass Ahnenforschung nicht nur aus Namen und Daten besteht, sondern auch bewegende Geschichten ans Licht bringt. Manche Kapitel sind glanzvoll, andere düster – doch genau diese Facetten machen die Familiengeschichte so spannend.
Bist du in deiner eigenen Familienforschung schon einmal auf ähnliche Fälle gestoßen? Teile deine Erfahrungen in den Kommentaren!


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