Update vom 8. Januar 2026: Neue Erkenntnisse über Selma Dennhardt geb. Freudenthal: ein Gesicht, ein Grab, eine Geschichte
Die Familienforschung lässt uns nicht nur spannende Geschichten über unsere Vorfahren entdecken, sondern auch tragische und bewegende Schicksale. Ein solches ist das von Selma Dennhardt geb. Freudenthal, die am 23. November 1887 im oberfränkischen Altenkunstadt zur Welt kommt. Selma ist die Tochter von Lehman Freudenthal und Röschen Freudenthal geb. Levor. Die Familie entstammt einer Region mit einer langen Tradition jüdischer Gemeinden, die dort trotz vieler Restriktionen bereits über Generationen hinweg existierten und oft in Handel, Handwerk und Viehhandel tätig waren.
Selma heiratet den Kaufmann Otto Walter Dennhardt. Walter wurde am 13. August 1886 in Borna geboren und ist vermutlich weitläufig mit mir verwandt. Das Ehepaar wohnt in Leipzig in der Lützner Straße 17 im Stadtteil Lindenau. Ein Ausschnitt aus dem Leipziger Adressbuch von 1935 belegt ihren Wohnsitz zu dieser Zeit:

Deportation und Shoa
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bringt für jüdische Bürger im Deutschen Reich unermessliches Leid. Walter Dennhardt ist evangelischer Konfession; das Ehepaar gilt daher als „Mischehe“. Und obwohl Selma mit einem nicht-jüdischen Mann verheiratet ist, wird sie nicht vor Verfolgung verschont: Mitte Januar 1945 entscheidet das Reichssicherheitshauptamt, dass auch die Ehepartner aus jüdisch-„arischen“ „Mischehen“ aus Deutschland, Österreich und dem Protektorat Böhmen und Mähren zum „geschlossenen Arbeitseinsatz“ ins Ghetto Theresienstadt deportiert werden sollen.
Im Februar 1945 wird Selma Dennhardt schließlich im Rahmen des „Transports XII/10“ nach Theresienstadt deportiert. Dieser Transport, der aus Frankfurt/Main abgeht und unter anderem Zwischenstation in Leipzig macht, umfasst insgesamt 616 jüdische Männer und Frauen, die von den Nationalsozialisten als „Schutzhaftgefangene“ oder „Mischehenangehörige“ geführt werden. Die Bedingungen der Deportation sind unmenschlich: Die Gefangenen werden in überfüllte Viehwaggons gepfercht, oft ohne ausreichend Wasser oder Nahrung, um die qualvolle Reise in das Ghetto anzutreten.
Edith Erbrich geb. Bär war zum Zeitpunkt des Transportes XII/10 acht Jahre alt. Sie wurde mit ihrer Schwester Hella und ihrem jüdischen Vater Norbert Bär aus Frankfurt deportiert. Edith erzählt:
„Schlimm, Schrecklich, Grausam. Ich weiß noch genau wie wir von der Uhlandstraße zur Großmarkthalle gelaufen sind. Die Straße war schwarz voller Menschen … Die SS wusste genau, welche Menschen deportiert wurden. Ich hielt mich an der Hand meiner Mutter und schaute sie an, als ob ich mir ihr Gesicht einprägen wollte. Meine Mutter wollte freiwillig mit und durfte nicht. In der Großmarkthalle ging alles sehr schnell. Die Viehwaggons standen bereit. Wir mussten in die Viehwaggons einsteigen. Es waren zwischen 30 und 40 Menschen. Im Waggon war kein Stroh. Es waren blanke Holzbalken. Die Türen wurden zugeschlagen; der Riegel zugeschoben. Den Riegel höre ich heute noch. Es war dunkel … Die Menschen waren erstarrt oder haben geweint. Die Tür ging noch mal auf und der SS-Mann schrie: ‚Hebt die beiden Kinder noch mal hoch! Die Mutter will sie noch mal sehen!‘ Ich sah, wie meine Mutter weinte … Durch die Holzplanken konnten man sehen, wie der Zug gefahren ist. Es war Februar und kalt. Wir haben gefroren und haben uns aneinander gekauert. Das Schlimme war die Erstarrtheit der Menschen … Wir mussten unsere Notduft im Waggon verrichten … Die Männer hatten Zeitungspapier und wir warfen es aus dem Fenster. Er war unmenschlich … Einmal hat der Zug gehalten und es mussten alle aussteigen. Diejenigen, die es bis dahin nicht überlebt hatten, wurden einfach ‚entsorgt‘ und den Abhang heruntergeworfen. Und fertig. Der nächste Halt war dann Theresienstadt.“
Yad Vashem: Transport XII/10 von Frankfurt am Main, Frankfurt a. Main (Wiesbaden), Hessen-Nassau, Deutsches Reich nach Theresienstadt, Getto, Tschechoslowakei am 14/02/1945, abrufbar unter https://collections.yadvashem.org/de/deportations/5092428
Theresienstadt selbst ist als Propaganda- und „Vorzeigeghetto“ bekannt. Bei dem offiziell als „Altersghetto“ deklarierten Ghetto handelt es sich in Wahrheit um ein überfülltes Lager mit katastrophalen hygienischen Zuständen und permanenter Todesgefahr. In den Jahren 1941 bis 1945 ist Theresienstadt für viele Häftlinge ein Zwischenlager auf dem Weg in die Vernichtungslager, aber auch selbst ein Ort unvorstellbaren Leidens.

Anders als Millionen andere Jüdinnen und Juden überlebt Selma Dennhardt die Shoa. Sie wird – wie auch die anderen Mitgefangenen des Transports XII/10 – bei der Befreiung des Ghettos im Mai 1945 gerettet. In den Unterlagen der Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution findet sich unter anderem folgende Karteikarte, die Selmas Überleben bestätigt:

Auf den Spuren der Familie
Nach ihrer Befreiung verliert sich Selmas Spur recht schnell. Vermutlich kehrt sie nach Kriegsende zu ihrem Mann nach Leipzig zurück, denn im Verzeichnis der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig vom 1. September 1947 findet sich ihr Name wieder in der altbekannten Lützner Straße 17 – als hätte es den ganzen Horror der Nazizeit nie gegeben. Ihr Ehemann Walter Dennhardt soll 1962 gestorben sein, aber auch über sein Leben in der Nachkriegszeit ist mir nichts weiter bekannt.
Die ganze Familie Freudenthal hat unter der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gelitten: Selmas Bruder Viktor Freudenthal stirbt am 2. März 1945 im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Ihre Schwester Bertha Freudenthal kann 1941 mit ihrem Ehemann Hugo Meier in die USA fliehen und entgeht so der bereits angeordneten Deportation. Ihr Bruder Simon Freudenthal wird 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er vermutlich ermordet wird. Im Mai 1945 wird er gerichtlich für tot erklärt.
Selmas Geschichte steht stellvertretend für das Schicksal vieler jüdischer Deutscher, die den Holocaust überlebt, aber ihre Heimat, ihre Familien und oft auch ihre Lebensgrundlage verloren haben. Sollte jemand weitere Informationen über die Lebenswege von Walter Dennhardt oder Selma Dennhardt geb. Freudenthal nach 1945 haben, freue ich mich über jeden Hinweis!
Hast du vielleicht Verwandte, die Ähnliches erlebt haben? Teile gerne deine Gedanken in den Kommentaren.


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